Ulrich Scheuffele
Ulrich Scheuffele

Mein Brief an Landesbischof July 15-06-2016

 

Sehr geehrter Herr Landesbischof July,

 

mit diesem Schreiben möchte ich Ihnen die Vorgänge in den Kinderheimen Korntal ins Gedächtnis rufen.

 

Ich selbst war in den Jahren 1972/73 als Zivildienstleistender (habe aus Glaubensgründen verweigert) in dem Kinderheim Hoffmannhaus in Korntal. Das erste, was ich mir von dem Heimleiter Werner B. anhören musste war, „ich solle den Kindern nichts glauben, sie wären alle Lügner“. Irgendwann sprach mich B. auf dem Hof des Heims an und meinte: Ich solle doch die Kinder immer mal wieder verprügeln.,ich dürfte das, er nicht. Dies habe ich natürlich nicht getan. Ich bin aus christlicher Überzeugung nach Korntal gegangen, mit der Hoffnung, meine Erfahrung in der Jugendarbeit an die Kinder weitergeben zu können. Es dauerte nicht lange, bis ich merkte, welcher Geist in diesem Heim herrschte. Nicht wenige der Erzieher wurden alleine nach dem „Gesangbuch“ ausgewählt und nicht nach einer pädagogischen Qualifikation.

 

Der Heimleiter selbst war ausgebildeter Landwirt. Einer der Erzieher, mit dem ich ein Zimmer teilen musste, war ein schwerer Psychopath, aber schon auf eine fast fanatische Weise fromm. Mein Einsatz als Zivi war nur im technischen Bereich und mit den Kindern hatten wir fast keinen Kontakt. Dies hat mich allerdings nicht davon abgehalten, doch den Kontakt zu den Kindern zu suchen. Nach kurzer Zeit konnte ich ein Vertrauensverhältnis mit den Kindern aufbauen und diese konnten ihre Sorgen bei mir abladen. Die Kinder hatten mich auch ins Herz geschlossen. Es dauerte nicht lange, bis der Heimleiter dies zu Ohren bekam und er verbot mir, weiter zu den Kindern Kontakt zu halten. Die Kinder „durften“ in den Ferien immer in das Freizeitlager nach Wilhelmsdorf fahren und ich war hier der Fahrer.

 

Bei einer der Fahrten bekam ich mit, dass die größeren Kinder zusammen mit dem technischen Personal des Kinderheims und einem Zivi an dem Neubau von B. Zwangsarbeit leisten mussten. Einmal ist dabei ein Kind schwer verunglückt, worauf man den Jungen ins Lager geschafft und ihn von dort ins Krankenhaus gebracht hat. Man hat es dann als Unfall deklariert, in dem der Junge beim Spielen vom Dach gefallen ist. Auch die Missbrauchsfälle sind mir nicht verborgen geblieben. So hat mir ein Zivi erzählt, dass ein Mitarbeiter der BG immer wieder einzelne Kinder mit auf sein Zimmer genommen hat. Wir Zivis haben uns dann bei unserem Dienstherren, dem Bundesverwaltungsamt, über die Zustände in Korntal beschwert.

 

Das Schreiben ist unbeantwortet an B. weitergeleitet worden mit der Aufforderung, uns zu sagen, dass solche Schreiben nur mit der Unterschrift des Heimleiters angenommen werden, was B. uns dann scheinheilig mitgeteilt hat. Wir Zivis durften auch zu Freizeiten, die von dem für die Zivis zuständigen Pfarrer Schäuffele geleitet wurden. Neben den Korntaler Zivis waren auch Zivis aus Einrichtungen der Evangelischen Gesellschaft dort, mit denen wir unsere Erfahrungen austauschten. Diese sagten uns, dass Korntal innerhalb des Diakonischen Werkes einen ganz schlechten Ruf hat. Weshalb ist das Diakonische Werk bzw. die zuständigen Jugendämter nicht bereits damals aufmerksam geworden und hat diese Einrichtung etwas stärker unter die Lupe genommen? Mein Aufenthalt in Korntal hat bei mir bewirkt, dass aus einem Mitglied der Landeskirche ein Kirchenkritiker wurde.

 

Nach meinem Ausscheiden aus dem Zivildienst habe ich mich meinem Gemeindepfarrer und dem Dekan anvertraut. Beide waren erschüttert von meinem Bericht, aber Konsequenzen hat es nicht gegeben. Ich habe dann resigniert und bin einige Zeit später aus der Kirche ausgetreten. Meinen Schwur, keinen Fuß mehr auf Korntaler Boden zu setzen, habe ich jedoch nach vierzig Jahren gebrochen, als ehemalige Heimkinder mich gebeten haben, sie in ihrem Kampf um Anerkennung ihrer Leiden zu unterstützen. Diesem Wunsch bin ich gerne nachgekommen.

Heute bin ich Pressesprecher der Arbeitsgemeinschaft Heimopfer Korntal und bringe mich in der Öffentlichkeitsarbeit ein.

In den Gesprächen, die ich mit ehemaligen Heimkindern führte, hat sich eine Horrorwelt aufgetan, die mir teilweise schlaflose Nächte bereitet hat. Neben der psychischen Gewalt mit Folter und körperlichen Misshandlungen hat in diesem Heim ein pädophiles Netzwerk bestanden, in dem die Kinder systematisch missbraucht und gegen Spenden an Pädophile ausgeliehen wurden. Eine Frau, die damals als vierzehnjährige Praktikantin im Heim war hat mir erzählt, dass sie vom Landwirtschaftsleiter zuerst betrunken gemacht und dann im Stall vergewaltigt wurde.

Anfang 2015 wurde mit einem großen Presserummel angekündigt, dass nun endlich eine Aufarbeitung stattfinden soll, einzigartig in ganz Deutschland. Dieser laut aufgestiegene Luftballon ist Anfang 2016 leise geplatzt. Seither hat sich nichts getan und die Heimopfer werden immer mehr hingehalten. Die einzigen Reaktionen sind, dass der ehemalige Heimleiter Walter Link versucht, über die Presse zu vermitteln, dass die Heimopfer Lügner sind.

 

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Landeskirche und die Diakonie von den Zuständen in Korntal, die sich über Jahrzehnte hingezogen haben, nichts mitbekommen hat.

 

Nur wer bewusst wegschaute, konnte das menschenverachtende Treiben in Korntal nicht mitbekommen.

Fakt ist, dass die Brüdergemeinde, auch wenn sie vertragliche Sonderrechte hat, ein Mitglied der Landeskirche ist und sie über die Lebendige Gemeinde in der Synode sitzt. Es geht nicht, dass sich die Leitung der Landeskirche aus ihrer Verantwortung stiehlt und sich hinter dubiosen Verträgen versteckt.

 

Warum hat die Evangelische Kirche keinen Missbrauchsbeauftragten?

Die Katholische Kirche bietet diesen schon jahrelang!

 

Herr Landesbischof, viele der betroffenen Heimkinder leiden noch heute unter den Folgen der brüderlichen „christlichen Fürsorge“. Nachweislich haben viele ehemalige Korntaler Heimkinder schwere psychische Probleme, viele leiden unter Altersarmut.

 

Unerwähnt darf auch nicht bleiben, dass man nicht auf das Leben nach Korntal vorbereitet wurde. Es war wie ein Sprung ins kalte Wasser.

Alkohol- und Drogenmissbrauch mit anschließender Prostitution, sogar Selbstmord, waren die Folgen.                                       

 

Die Korntaler Fürsorge hat einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen. Die Kirche ist mit in der Verantwortung und wenn sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen.

 

 

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